Workshop participant Taua Veni Nun Yan | CC BY-SA 4.0 Mitiana Arbon
Durch Kulturen und kulturelles Wissen vermitteln die Menschen ihrer Nachkommenschaft die Kenntnisse vom Überleben ihrer Gemeinschaften. Dank dem Wissen, wie wir sind, wie wir gedeihen und wie wir aus der Vergangenheit lernen, konnten wir als Spezies wachsen, wir fanden Sinn im Leben und das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Frühe Gesellschaften und einige bis heute existierende Gemeinschaften verehren und beten die Natur an, in ihren Erscheinungsformen wie Flüsse, Berge, Wälder und Meer. Auch Menschen, die seit Generationen in Städten leben und aufgewachsen sind, suchen in der Natur Trost, Weisheit und Klarheit.
Beim Nachdenken über die Verflechtung von Kultur und Natur kommt mir viel in den Sinn: Geschichten, Mythen, Folklore, die mündlich weitergegeben werden; vererbte Gegenstände, bis heute erhaltene Stätten der traditionellen Architektur; aktiv genutztes indigenes Wissen; traditionelle Lebensmittel und Gerichte; die Bedeutung psychoaktiver Pflanzen; die Traditionen der Nahrungssuche und Ethnobotanik. Vier Monate lang habe ich aus der Ferne, aus Neu-Delhi, gemeinsam mit der National University Samoa (NUS) und dem Übersee-Museum das bürgerwissenschaftliche Vaisigano-Projekt kuratiert. In der Vorbereitung zu seiner Implementierung konnte ich nach Samoa reisen, wo mir einige derartige Verbindungen zwischen Natur und Kultur ins Auge fielen.
Zwar waren wir schon vorher im Gespräch mit unseren samoanischen Kolleginnen und Kollegen und hatten Material aus dem Land gesichtet, aber die Landung in Apia war trotzdem eine Überraschung, als hätten wir eine Zeitkapsel oder ein Filmset betreten. Ihr kulturelles Erbe und der Klang der samoanischen Sprache waren einzigartig. Die überall sichtbaren Tätowierungen, die Blumen hinter den Ohren der Frauen, die lebhaften Drucke auf jedem Kleidungsstück, dazu grüne Landschaft, soweit das Auge reichte – all das erinnerte mich an Abbildungen üppiger Tropeninseln auf Ansichtskarten und Postern.
Bei unseren Online-Treffen fand ich es schwierig, mit unseren samoanischen Kolleginnen und Kollegen in Verbindung zu treten. Ich führe das auf die Zeitverschiebung zurück, auf die kurze Dauer der Meetings mit ihren vollgepackten Tagesordnungen und darauf, dass jede*r die eigene Kompetenz zur Geltung brachte. Das änderte sich komplett, als wir in Samoa landeten und mit herzerwärmendem Lächeln begrüßt wurden. Unsere Kolleg*innen nahmen uns äußerst gastfreundlich in Empfang, wir fühlten uns sofort zu Hause. Im Lauf des Projekts wurde mir klar, dass unsere Samoanischen Kolleg*innen online vielleicht schüchtern waren, im persönlichen Kontakt – und besonders in Samoa – dagegen große Wärme, Respekt, Bescheidenheit und Liebe zu uns und zueinander ausstrahlten, die „samoanische Art“, auch als „Fa’ʻa Saāmoa” bekannt. „Faʻ’a Saāmoa” beschreibt das allumfassende System, das das Verhalten und die Verantwortlichkeit für die Nächsten steuert, mit den Ältesten, Matais (Familienoberhäupter) und Autoritätspersonen.
CC BY-SA 4.0 Kush Sethi
Die Ästhetik der Stadtplanung, die Allgegenwart von Pickups und SUVs, das Geräusch motorisierter Rasenmäher tagein tagaus und die großen Supermärkte – das alles erinnert an US-amerikanische Vorortserien. Die traditionelle „Fale“-Architektur [samoanische Wohn- und Versammlungshäuser ohne Wände, Anm. d. Übers.] aus Naturmaterialien und mit Kuppeldächern existiert auf der Insel nur noch in Restbeständen. Diesen wenigen Häusern stehen entweder modern aussehende „Fale“-Häuser gegenüber oder schachtelartige Gebäude aus Metall und Beton, mit industriell hergestellten Fenstern, Bodenmatten aus Vinyl und Hochglanzfliesen. Ortstypische Architektur und Handwerkskunst sind dem Untergang geweiht, wenn neue Bautechniken Einzug halten.
Auch bei der Ernährung stellte ich Gegensätze fest. Bei Events in der Universität gab es frisch gekochtes Essen und einmal ein Umu-Gericht mit Pflanzen aus dem eigenen Garten, Seetang, Fisch und Fleisch von selbst gezüchteten Tieren. Demgegenüber standen die leicht zu beschaffenden Alternativen: Fast Food und importierte Fertiggerichte. Im Supermarkt war das Obst teuer, aber während meiner Recherche sah ich selbstgezimmerte Läden, die kleine Mengen tropische Früchte aus eigenem Anbau wesentlich billiger verkauften. Bei unseren Exkursionen an den Fluss erkannte ich einige essbare Wild- und Medizinpflanzen, wie ich sie in Indien regelmäßig sammle. Ich wusste, dass diese Arten in Polynesien heimisch sind und glaubte, das sei Allgemeinwissen. Später erfuhr ich, dass traditionelle Heiler in Samoa ihre Kenntnisse von den Heilpflanzen und ihre Methoden strikt für sich behalten, da sie den Wissenschaftlern und Pharmakonzernen von Übersee nicht trauen.
In den Archiven von Museen fand ich Bilder des in Samoa verbreiteten Brauchs „O le Lauloa“, bei dem der „Atule“ genannte Hering gefangen wird, indem fast 100 Menschen bei Ebbe einen Zaun bilden. Sie benutzen Kokospalmwedel, und der Fang wird nicht verkauft, sondern unter den beteiligten Familien aufgeteilt. Heute gibt es das nur noch in wenigen Dörfern, und derartige gemeinsame Aktivitäten, die uns mit dem Land verbinden, verschwinden nach und nach.
Als Samoa sich Ende der 2000-er Jahre um eine engere Zusammenarbeit mit Australien und Neuseeland bemühte, konnten viele Samoaner in andere Länder aufbrechen, um dort zu arbeiten oder zu studieren. Da heute bis zu 60% der Bevölkerung in Neuseeland, Australien und den USA lebt, leisten ihre Geldsendungen und ihr jährlicher Aufenthalt in der Heimat einen Beitrag zur Volkswirtschaft. Eine Reihe Influencer, die in der Diaspora stärker in Erscheinung treten, zelebrieren und dokumentieren ihre kulturelle Identität unter anderem durch Handwerkskunst, Sprache, Tattoos etc. Ich erkläre mir das mit besserer Sichtbarkeit, finanziellen Möglichkeiten, Dekolonisierungsstipendien und vor allem mit der Sehnsucht nach Heimat und Identität, die aus der Distanz zwischen den Samoanern entsteht, wie Kulturexperten meinen (Tautua: Inked in Service | RNZ). Leicht findet man zeitgenössische Kunst und Forschungsprojekte zum „Samoatum“, nicht aber zu den Herausforderungen, denen Samoa sich angesichts des Klimawandels, des Überfischens, der Zerstörung des Lebensraums etc. gegenübersieht.
Durch die Migration von den Wäldern in Städte und in ferne Länder, auf der Suche nach Arbeit, Bildung, medizinischer Versorgung und Wunsch nach einem modernen Leben für unsere Kinder, verlieren wir allmählich den Kontakt zum Land und der gelebten Praxis. Übrig bleiben Fragmente von Geschichten, Versionen von Glaubenssystemen und Traditionen. Manche Erinnerungen und Rituale scheinen sogar ihren Kontext zu verlieren und sind jeder neuen Generation schwerer zu vermitteln.
CC BY-SA 4.0 Kush Sethi
Als das Übersee-Museum seine Arbeit vorstellte und das Bürgerwissenschaftsprojekt erklärte, fragten die Matais im Publikum, gleichzeitig Dozenten für Samoa-Studien, sofort nach unseren Absichten. Unser Projekt war relevant für sie, weil das Vaisigano-Flusssystem Konsequenzen für ihr Land hat. Sie berichteten vom Alaoa Staudammprojekt, das mit dem Vaisigano-Flusssystem verbunden werden soll. Teile der Gemeinschaft wendeten sich dagegen, wegen des Sicherheitsrisikos, der Verschuldung durch die Baukosten und der Umsiedlung von Familien. Die Matais als Interessenvertreter agierten als Beschützer ihres Landes.
CC BY-SA 4.0 Mitiana Arbon
Ich antwortete auf ihre Frage, da sie mich an ein Forschungsprojekt zu Stadtwäldern in Delhi erinnerte. Die Sammlung von Daten über Flüsse war wichtig, weil die Einheimischen sich qualifiziert äußern konnten, indem sie den traditionellen Zugang zur Natur mit wissenschaftlichen Ergebnissen verknüpfen und so für bzw. gegen künftige Entwicklungsprojekte argumentieren konnten. Daten konnten die Forschung an der NUS stärken, weil die Studenten die Exkursionen zum Fluss für Studienleistungen nutzen konnten, und weil neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern, Künstlern und Bürgern wie in unserem Vaisigano-Programm möglich wurden.
Bei der Anmeldung und im persönlichen Gespräch mit uns erwähnten mehrere Studierende Kindheitserinnerungen an Flüsse. Sie erzählten von Ausflügen zu den Wasserfällen, vom Schwimmen im Sommer, von der Erholung am Ufer und vom Fischen in den Mangrovenwäldern, aber nur wenige sprachen über die Bedeutung der Flüsse für ihr Leben, über deren Wert für die Versorgung mit Trinkwasser oder über kulturelle Flussgeschichten. Vielleicht wird dieses Wissen über das Land und seine Ressourcen an die jüngeren Generationen weitergegeben, wenn sie nach und nach Aufgaben und Verpflichtungen in der Familie und im Dorf übernehmen.
Ich sprach auch darüber, wie die Erhebung von Daten der richtige Schritt sein könnte, um jüngeren Samoanern die Verantwortung gegenüber den Flüssen klarzumachen. Traditionelles Wissen in Verbindung mit wissenschaftlichen Nachweisen könnte sie auf die unvermeidliche Entwicklung als Folge des Klimawandels vorbereiten und ihnen helfen, wie ihre Vorfahren eine Wächterfunktion zu übernehmen.
Ietitaia Simi and creative results from the workshop | CC BY-SA 4.0 Übersee-Museum Bremen, photo: Gese Gese
Die Reise nach Samoa führte mir vor Augen, dass es viele Möglichkeiten gab, jüngere Samoaner mit ihrer ererbten Umgebung vertraut zu machen. Es wäre möglich, die Verantwortung für den anderen in „Fa’a Samoa“ auf das Dorf und darüber hinaus auszuweiten, um Ressourcen für die Zukunft zu erhalten. Die Geschichten über die Gottheiten könnten kontextualisiert und spielerisch gestaltet werden, sie könnten in lösungsorientiertes Denken umgesetzt werden und nicht-menschliche Verantwortung einbeziehen. Auch die Kirche, die immer noch stark auf freiwilliges Handeln setzt, könnte sich für neue und bereits existierende Umweltprogramme der Gemeinschaft einsetzen.
Wir waren begeistert, dass unser Kunstworkshop am Flussufer die Studierenden fesselte und unterhielt. Der am Tag zuvor noch unberührte Fleck war bei der Ankunft der Gruppe mit frischem Müll übersät. Sie waren zunächst irritiert, orientierten sich dann aber neu und fanden saubere schattige Uferstellen. Mit Humor und viel Unterstützung brachte unser samoanischer Kunstlehrer die Teilnehmer*innen dazu, mehr als eine Stunde Aspekte des Flusssystems zu untersuchen und zu zeichnen.
Manche Studierende entschieden sich für Phantasielandschaften ohne die geringste Spur von menschengemachter Zerstörung. Am nächsten Tag kehrten die Studenten zum Fluss zurück und sammelten mit den Wissenschaftlern des Museums Daten und Proben. Im Labor lernten sie später, wie man die Proben klassifiziert und lagert, sie unterbrachen ihre Arbeit, um TikTok-Filme zu drehen, gaben ihren Süßwasserproben Namen und testeten die App zur Datensammlung gründlich.
Diese engagierte dreitägige Beteiligung sehen wir als positives Feedback für unser Pilotprogramm.
Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Thielicke